SAZ-Bike interviewt Christoph Florin

„Wir sind eine Mischung aus Händler und Hersteller“

– Anlässig zur Eurobike 2015 sprach die SAZ-Bike mit Christoph Florin.

SAZbike Interview Christoph Florin

 

An einer neuen Fahrradkultur und an schönen Rädern erfreut sich Christoph Florin (CF). Mit Kreativrad hat er vor einigen Jahren eine Fahrradmarke gegründet, die Spaß vermitteln soll und hohe Qualitätsanforderungen hat.
Kunden können sich online die Bikes passend zusammenbauen und bestellen. Für Florin ist das aber kein schnelles Geschäft: Alle verwendeten Komponenten werden bei Kreativrad entsprechend persönlich geprüft, damit der Kunde Freude an seinem Bike hat. Die Reklamationsquote geht daher auch gegen Null. Mit SAZ-Bike sprach Christoph Florin über das Konzept und seine weitere Planung, die auch eine Integration des Fachhandels vorsieht.
 
Herr Florin, warum entstand die Idee, eine eigene Fahrradmarke zu gründen?
CF:  Der Fahrradmarkt wird von Standardlösungen dominiert. Für uns war deshalb der eigene Wunsch, Fahrradkultur und schöne Räder wieder neu zu beleben, der Anstoß für die Idee, eine eigene Fahrradmarke zu gründen. Einzigartige Räder in hoher Qualität, angepasst an die Wünsche der Kunden ist die Philosophie von Kreativrad.
 
Wie hat sich Ihr Unternehmen in den vergangenen Jahren entwickelt?
CF:  Wir durften jährlich mehr Räder bauen und sind daher auf einem guten Weg. Unser Konzept spricht sich herum und jedes von uns gebaute Rad bringt mehr Kunden. Aber nicht nur der Absatz unserer Räder steigt, sondern viel wichtiger ist der Anstieg der Qualität unseres Teams und unserer Kooperationspartner. Unsere Abläufe werden klarer, und wir organisieren uns Jahr für Jahr besser. Ruhe, Klarheit und Vertrauen kehren bei uns ein. Individualisierte Bikes bringen viele Chancen und Möglichkeiten mit sich, sind aber auch eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Eine hohe Kommunikation sowie ein hoher Service werden bei uns vorausgesetzt.

 

Das Thema Custom-made wird gerade seit diesem Jahr im Handel wieder groß besprochen. Sind individuell angepasste Bikes die Zukunft?
CF:  Wir würden nicht sagen, dass nur und ausschließlich individuell angepasste Räder die Zukunft sind. Für die Zukunft wichtig ist eine Erhöhung der Fahrrad-Lebenszyklen, also eine Verbesserung der Haltbarkeit und der Qualität der Räder. Wir müssen weg von der Wegwerfgesellschaft und dem Druck, ständig neue Modelle verkaufen zu müssen. Die Zukunft ist, Kunden einen besseren Service mit sicheren, ergonomischen, langlebigen, leichtläufigen und sozial verantwortlichen Fahrrädern anzubieten. Gerade über den letzten Punkt redet keiner. Das Fahrrad zählt als grünes Produkt, aber durch die Produktion in Asien leidet das grüne Image. Durch unsere Arbeit schützen wir auch den Standort Deutschland. Die Zukunft im Bereich Fahrrad sollte sein, dass man sich von der Produktpreisschlacht löst und sich auf die Weiterentwicklung des Fahrrads in hoher Qualität und den darum möglichen Service konzentriert. Zum Service gehört dann auch, dass der Kunde entsprechend betreut wird. Sei es durch Newsletter, Reparaturhinweise und ähnliches, hier gibt es für Hersteller und Händler noch viel Spielraum.
 
Welche Rolle spielt in Ihrem Konzept das Thema Ergonomie?
CF:  Ergonomie ist bei uns ein fester Bestandteil beim Individualisierungsprozess unserer Kunden. Nur mit einer sicheren und sich gut anfühlenden Fahreigenschaft eines jeden Rades wird ein angenehmes Fahrgefühl erreicht. Wir bieten hier die sportliche-, moderate- oder komfortable-Fahrweise an und passen diese genau auf die Körpermaße hin an.
 
Sie bieten Ihre Produkte in erster Linie online an, Ergonomie ist jedoch gerade ein Thema für den stationären Handel. Wie setzen Sie die ergonomische Beratung um?
CF:  Nach Übermittlung der Körpergröße und Schrittlänge des Kunden wählen wir die passende Rahmenhöhe, Vorbaulänge und Sattelstütze aus. Die restlichen Komponenten kann sich der Kunde über einen Konfigurator auswählen. Dafür stellen wir ihm Komponenten zur Verfügung, die zuvor von uns persönlich auf qualitative Verarbeitung, Langlebigkeit, Leichtläufigkeit und ergonomische Anpassung hin getestet wurden. Wir testen wirklich jedes Teil, das wir anbieten. Wir sind eine Mischung aus Händler und Hersteller. Der Kunde wählt die für sich passende Kombination an Teilen aus und kann dabei zwischen sportlich, moderat und komfortabel wählen. Wir greifen beratend nur ein, wenn wir sehen, dass etwas nicht passt. Unser Vorteil ist sicherlich, dass bei uns fast ausschließlich Kunden kaufen, die bereits eine gewisse Fahrraderfahrung haben und sich mit dem Markt auskennen. Diese Kunden wissen, was für Produkte sie brauchen.
 
Sind hier schon einmal Probleme oder Reklamationen aufgetreten?
CF:  Im Falle, dass ein Rad nicht passt, nehmen wir es zurück. Aber es ist selbst für uns unglaublich: Bis heute haben wir bei keinem von uns gebauten Rad falsch gelegen. Zusätzlich bieten wir bei Sätteln, Griffen und Pedalen eine zweiwöchige Testphase an. Wenn das gewünschte Produkt danach nicht passt, verlängern wir entweder die Probezeit auf vier Wochen oder tauschen das Teil um. Die zurückgesandten Teile nehmen wir dann für Reparaturen und Restaurierungen von alten Rädern.
 
Werden Sie Ihre Produkte in Zukunft auch stationär anbieten?
CF:  Seit diesem Jahr haben wir bereits eine Testphase durch zwei Händlerkooperationen mit einem etablierten Händler aus Lüneburg und einem mobilen Schrauber aus Elmshorn. Ab dem kommenden Jahr möchten wir weiteren kleinen Händlern und mobilen Schraubern die Möglichkeit einer Kooperation anbieten. Über Kooperationsanfragen freuen wir uns und erstellen gerne gemeinsam mit dem jeweiligen Händler ein Angebot passend zu seinen Kunden. Wir stellen den Händlern auch keine Vorgaben, sondern richten uns nach den individuellen Bedürfnissen des Partners.
 
Wie werden bislang Service und Reparaturen ohne stationären Partner gehandhabt?
CF:  Wenn ein Problem an einem unserer Räder auftritt, kontaktiert uns der Kunde, und wir kümmern uns darum. D.h. wir rufen bei Händlern in der näheren Umgebung des Kunden an und klären ab, ob ein Werkstatttermin möglich ist. Den Termin geben wir dann an den Kunden weiter, der nur noch sein Rad vorbeibringen muss. Wir suchen also konkret nach Kooperationspartnern in der Nähe des Kunden. Das verlangt von uns zwar viel Service und Kommunikation, steigert aber die Kundenzufriedenheit.

 

In dieser Saison beklagten sich einige Händler über eine schlechte Lieferfähigkeit bei vielen Produkten. Waren Sie davon ebenfalls betroffen?

CF:  Wir waren von Lieferengpässen in diesem Jahr nicht betroffen. Wir wissen genau, dass es nicht nur dieses, sondern jedes Jahr knapp werden kann. Wir treffen rechtzeitig Vorsorge im Team und mit unseren Kooperationspartnern. Individualisierte Bikes sind eben nicht mal auf die Schnelle gemacht.

 
Herr Florin, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Interview: Thomas Geisler

Quelle: saz bike. Nr. 16/27.8.2015

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